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Auszug aus dem "stern magazin" vom 23.03.00

Quelle: STERN | Ausgabe: 13/23.03.00 | Seite: 160

Autorin: *Brigitte Zander*

Ganz lässig unter Dampf

Clevere Erholungssuchende haben Ungarn als Reiseziel entdeckt. Dort gibt es Kuren zu Tiefpreisen in historischem Ambiente

Für mich ist es ein Wunder", sagt Friedrich Löffler. Als er im ungarischen Kurort Heviz ankam, schleppte er sich noch mühsam über die Eingangsstufen ins Hotel. Doch nach zwei Badewochen im dampfenden Mineralsee fühlte er sich wieder fit. Seitdem pilgert der Gärtner aus Heppenheim an der Bergstraße jedes halbe Jahr nach Südungarn, wo das heilende heiße Wasser aus einer 38 Meter tiefen Felsspalte in einen Thermalsee sprudelt.

Über 180000 Quadratmeter dehnt sich der Jungbrunnen von Heviz in einem Schutzwald am Balaton aus. Im Sommer wuchern rote Lotusblumen und weiße Seerosen am Uferrand dieses größten Warmwasserteichs Europas.

NUR 460 FORINT (rund 3,50 Mark) kostet der Eintritt in das historische hölzerne Badehaus, das wie eine Halbinsel in den leicht dampfenden See hinausragt. Und den obligatorischen schwarzen Schwimmreifen kann man für 90 Pfennig ausleihen. Denn die Anlage ist weder im Besitz eines der nahen Vier-Sterne-Hotels oder einer Investorengruppe, sondern eine ganz normale "Fürdö", eine staatliche Badeanstalt.

Friedrich Löffler gehörte Anfang der 90er Jahre zu den deutschen Kur-Pionieren, die im Osten nach preiswerten Alternativen zu den heimischen Heilbädern suchten. Damals war Heviz noch fest in der Hand ungarischer Kurpatienten mit Arthrose, Bandscheibenschäden, Ischias, Osteoporose, Gicht und Knochenbrüchen, die auf Kassenkosten ihre kranken Glieder ins radonhaltige Schwefelwasser tauchten. Heute müssen die Bademeister vor allem Deutsch sprechen.

Die Umkleidekabinen sind spartanisch wie anno dazumal. Und noch immer klettert man vorsichtig über ausgewaschene Holztreppen in die Seewasserkammern im Innern des Kabinentrakts. Hier hat das heilende Wasser Badewannentemperatur: 36 bis 38 Grad. Wer durch das Labyrinth von Betonsäulen und Flügeltüren unter dem Gebäude hindurch ins Freie schwimmt, kühlt langsam ab. Doch je nach Außentemperatur hält der See das Jahr über 24 bis 28 Grad. Genug, um wohlig treibend die filigrane Holzarchitektur des Badehauses zu bewundern.

Eine halbe Stunde Wässerung täglich ist genug. Mehr erschöpft. Weitere Therapien mit dem Schlamm aus dem Wundersee gehören zum Standardprogramm aller umliegenden Kurhotels. In einem Vier-Sterne-Haus wie dem "Carbona" kostet eine original Hevizer Fango-Torf-Packung 33 Mark. Billiger gibt's den Schlamm und die anderen Anwendungen im staatlichen Kurmittelhaus. Dort kehren die Gäste der vielen kleinen Pensionen ein, nehmen die nüchterne AOK-Atmosphäre in Kauf: serienweises Einschlämmen und knappe Duschräume. Und mangels Pflegern helfen sich die Kurgäste gegenseitig beim Abschrubben des heilkräftigen Batzes.

Das Gesundheitsgeschäft am See boomt. In dem 4700-Seelen-Ort stehen bereits 10000 Hotel- und Pensionsbetten, und überall wird neu gebaut. Kaum ein Hevizer, der nicht am Kurtourismus beteiligt ist. An den meisten Privathäusern bieten Werbeschilder Fremdenzimmer, Kosmetik, Massage, Honig, Walnüsse, Haareschneiden, Zigeunermusik oder Zähneziehen an. Die Oma von Friedrich Löffler hat sich hier ihr neues Gebiss anpassen lassen: "Billig und gut."

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